„Die Milliarden-Rettung, die keiner bekommt“

24.03.2020
Dr. Dominik Benner im Interview über die aktuelle Corona-Krise.
Schuhmarkt-News: Sie sagen, dass die Milliarden-Rettung der Regierung gar nicht bei Unternehmen ankommen. Warum?
Dominik Benner: Die Bundesregierung verkündet mit viel Eigenlob 500 Mrd. Euro als Rettung für Unternehmen, es gäbe „keine Grenzen“ laut Minister Altmaier. Dies ist aber eine Lüge. Alle unsere Händler rufen nun an und erzählen mir ihre Erfahrungen von der Hausbank. Ich habe dies am Anfang nicht geglaubt. Dann habe ich selbst angerufen bei zwei unserer Banken.
Was war das Ergebnis der Banken?
Die KfW-Mittel haben einen doppelten Haken: Jede Bank hat nach wie vor eine Eigenhaftung bei jedem Kredit, je nach Rating des Unternehmen zwischen 10% und 30%. Und: Die KfW setzt eine positive Kapitaldienstfähigkeit der Unternehmen voraus. Diese ist aber nicht mehr gegeben durch die Krise, da CashFlows fehlen. Unser Banker sagt: „Wir haben über 120 Anträge von Unternehmen bis zum 23.3. erhalten, kein einziger geht so durch, die meisten werden abgelehnt. Nur ganz wenige Unternehmen mit Top-Bonität erhalten einen Kredit, aber auch geringer als beantragt.“
Warum ziehen die Banken nicht mit?
Ganz einfach: Nennen Sie mir doch mal einen Banker, der in einer solchen Krise einen Kredit vergibt mit Risiko für die Bank. Der würde sofort seinen Job riskieren. Die Bundesregierung begeht einen riesigen Fehler und übernimmt nicht 100% der Haftung. Sie muss dies umgehend tun und die Kapitaldienstfähigkeit der Unternehmen auf mehr Jahre verteilen, mindestens 8 Jahre. Sonst ist die gesamte Rettungsaktion kompletter Unsinn und kommt im Mittelstand nicht an. Der DIHK hat dies auch bereits gefordert. Nur die Politiker wollen oder können dies aus irgendeinem Grund nicht verstehen.
Wenn die Hausbank nicht hilft, kann man ja eine andere Bank anfragen.
Wir haben von allen Händlern die gleiche Rückmeldung: Die Banken sind komplett überlastet, viele Mitarbeiter sind in Quarantäne, die Vorstände haben bei allen Bankhäusern Neugeschäft untersagt. Wenn man also bei einer neuen Bank anruft zwecks KfW-Mittel, wird man abgelehnt.
Was ist mit den Soforthilfen?
Für eine selbstständige Yoga-Lehrerin sind 9.000 Euro Soforthilfe sicher gut. Aber wir reden im Handel von Mittelständlern, die ein Lager zwischen 250.000 Euro und 10 Mio. Euro haben. Da bringen Soforthilfen bis maximal 15.000 Euro gar nichts.

Wie wird die Krise weitergehen?
Wir erleben gerade, dass einige Unternehmen insolvent gehen, aber die meisten Schließungen wird niemand hören: Es sind Händler und Dienstleister, die nun einfach aufhören und im Sommer nicht mehr aufmachen. Es ist ein leises Sterben von Unternehmen, ohne große Zeitungsmeldungen.
Wann kippt die Stimmung bei der Bevölkerung und dem Handel?
Im Moment profiliert sich ja jeder Influencer mit #Stay@Home-Videos. In vier Wochen wird dies anders sein. Meine Prognose ist, dass die Stimmung bis Ende April kippen wird. Die Angst von Arbeitsplatzverlust, Insolvenz und Frust zu Hause wird den Menschen irgendwann zu groß. Dann wird eine Isolierung von gefährdeten Gruppen erfolgen, was auch gut ist zum Schutz dieser Personen. Der Rest der Welt muss sich aber wieder normalisieren.
Was tun die Lieferanten und Verbände?
Ich glaube, es bringt nicht viel, 20 Pressemeldungen rauszusenden und zu sagen, dass man eine Task-Force hat. Denn die Liquidität kommt nicht durch eine Task-Force, sondern durch Banken. Am seltsamsten finde ich gerade Lieferanten, die reihenweise Sonderangebote zur Coronakrise senden, damit die Händler noch mehr kaufen sollen. Die Verbände können aktuell nicht viel machen, wenn sie eine eigene Bank haben, können zumindest über Saisonlinien mehr Mittel bereitgestellt werden.
Wird es eine Dauerkrise?
In einer Krise denken alle, dass die Krise alles verändern wird und die Welt danach komplett anders aussehen wird. Aber die Marktwirtschaft passt sich immer an und wird weitergehen. Insofern gibt es keine Dauerkrise, aber viele Unternehmen werden verschwinden. Meine Sorge ist, dass die Krise in einigen Monaten auf die Banken durchschlägt, und dann haben wir eine Finanzkrise 2.0, die dann wieder durch Verstaatlichung von einzelnen Banken geregelt werden muss.
Wie geht Ihr Unternehmen mit der Krise um?
Wir machen derzeit alles, damit mehr Händler online gehen und so zumindest Ware verkaufen, Umsätze generieren und Liquidität erhalten. Online boomt derzeit, wir versuchen, hier möglichst viel für die Händler zu erreichen. Unser Unternehmen hat daher zur Zeit viel zu tun, die Mitarbeiter sind am Limit, wir suchen aktiv neue Mitarbeiter, damit wir dies bewältigen können.
https://www.schuhmarkt-news.de/business/unternehmen/24-03-2020-die-milliarden-rettung-die-keiner-bekommt/?fbclid=IwAR0w25AbpzODqIcvgt11pjUWhrjqacR3a0oMnZ1Un-vEgBwkjMhevsxwH1M