„Fühle mich verarscht“

Zeuge in JVA-Affäre wiederholt schwere Vorwürfe gegen WDR
Was ist im September 2018 in einem Gefängnis in Kleve passiert, als ein syrischer Häftling ums Leben kam? Der WDR witterte einen Skandal und sprach mit einem Zeugen. FOCUS Online traf den Mann. Er beschreibt ein fragwürdiges Vorgehen des WDR.
Februar 2020, JVA Bochum, Besuchertrakt, Raum vier ganz hinten im Korridor. In dem kargen Zimmer stehen vier Stühle, ein Tisch. Der in die Jahre gekommene Linoleumboden rundet die nüchterne Atmosphäre ab. Ein JVA-Vollzugsbeamter führt Jan-Hendrik H., 24, von der anderen Seite durch eine zweite Tür hinein. Der Häftling trägt einen dichten Bart, die blau-grauen Augen mustern sein Gegenüber erwartungsvoll, hinters Ohr hat er sich eine Selbstgedrehte geklemmt.
Jan-Hendrik H. ist ein zentraler Zeuge in einer brisanten Affäre. Es geht darum, unter welchen Umständen WDR-Journalisten des TV-Magazins „Monitor“ dem 24-jährigen Autoknacker für ein Interview Geld gezahlt haben. Es geht um mutmaßliche Falschaussagen. Es geht um konstruierte Vorwürfe gegen Polizei und Justiz, die sich um den tragischen Tod eines unschuldig inhaftierten syrischen Staatsangehörigen 2018 in der JVA Kleve ranken.
Aufwandsentschädigung „die sich lohnen würde“
Jan-Hendrik H. will endlich erzählen, wie es damals war. Er will berichten über jene Winter-Monate 2018, als er sich kurzfristig auf freiem Fuß befand, bevor er erneut Autos knackte und erwischt wurde. Er will reden über die dauernden Anfragen der öffentlich-rechtlichen Reporter via Facebook, dass er sich endlich zum Interview mit „Monitor“ bereit erklären sollte. Oder später über „das Trommelfeuer“ der WDR-Fernsehmacher.
Seinerzeit zögerte Jan-Hendrik H. eine Weile´, sagt er. Dann folgte das Angebot der „Monitor“-Rechercheure. Ihm sei eine Aufwandsentschädigung in Aussicht gestellt worden, „die sich lohnen würde“, erzählt der junge Mann im Rückblick. „Irgendwann habe ich dann zugesagt, aber mehr aus dem Grund, dass dann diese nervigen Anfragen aufhören würden.“
Jan-Hendrik H. schildert, wie eine TV-Reporterin ihn beim Treffen unter Druck gesetzt habe, wie „sie es so gedreht hat, dass es passte“. Seine Aussagen seien manipuliert worden: „Sie hat mir Formulierungen in den Mund gelegt.“ 300 Euro erhielt der Zeuge für das Interview, deklariert als Aufwandsentschädigung. „Direkt nach dem Dreh in bar, ich musste nur eine Quittung unterschreiben, und das war‘s.“
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Toter war Kumpel von Jan-Hendrik H.
Anfang Dezember lief der „Monitor“-Beitrag im WDR. Jan-Hendrik H. gab den Belastungszeugen in einer Polizei- und Justizaffäre in NRW um den Häftlingstod im Gefängnis im niederrheinischen Kleve. Der 26-jährige Syrer Amed A. saß auf Grund einer Fahndungspanne unschuldig ein und sollte eine mehrmonatige Haftstrafe verbüßen, die tatsächlich ein gesuchter Dieb aus Mali begangen hatte. Den Ermittlungen zufolge soll Amed A. am 17. September 2018 seine Zelle in Brand gesteckt haben. Zwar konnte der Gefangene noch lebend gerettet werden, allerdings erlag er kurz darauf seinen schweren Verletzungen.
Jan-Hendrik H. geht das Geschehen noch heute sehr nahe. Damals saß er ebenfalls in der JVA Kleve ein. Amed A. zählte zu seinen Kumpeln.
In dem „Monitor“-Beitrag vom 6. Dezember 2018 erzählte Jan-Hendrik H. gleich zu Beginn, dass kurz nach 19 Uhr Tumulte in dem Gefängnis wegen des Brandes ausgebrochen seien. Diese Aussage rückt die JVA-Vollzugsbeamten in ein denkbar schlechtes Licht. Denn erst gegen 19.23 Uhr öffneten sie laut den Ermittlungen die Zelle des Syrers, um ihn zu retten. Das heißt, die Bediensteten hätten über 20 Minuten lang, die Hilferufe der Gefangenen ignoriert.
Jan-Hendrik H.: „Die Darstellung von Monitor entspricht nicht den Tatsachen“
Mit Hilfe eines externen Brandsachverständigen und Jan-Hendrik H.s Aussage erweckte „Monitor“ den Eindruck, dass womöglich Absicht oder ein skandalöses Fehlverhalten dahinterstecken könnte. Zudem zogen die öffentlich-rechtlichen Journalisten die Darstellung des NRW-Justizministers Peter Biesenbach (CDU) in einem eigens eingerichteten parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Zweifel. Sollte Biesenbach in der Causa gelogen haben, wäre dies sein politisches Ende gewesen. Das Gegenteil ist bisher der Fall.
Bei dem Treffen mit FOCUS Online in der JVA Bochum im Februar 2020 bekundet Jan-Hendrik H. mehrfach kopfschüttelnd, dass „die Darstellung von Monitor nicht den Tatsachen entspricht“. Er habe der Fernseh-Reporterin immer wieder erklärt, dass er keine Zeitangaben zu den Tumulten machen könne.
Seine Zelle lag demnach etwa 200 Meter von dem Quartier seines Freundes mit der Nummer 143 entfernt. Es müsse irgendwann zwischen zwei Fernsehserien gewesen sein, als er die Randale draußen gehört habe. Doch die „Monitor“-Frau habe ihn stetig gedrängt: „Sie sagte, sie bräuchte eine Zeitangabe, um das Ganze zeitlich einordnen zu können.“
Jan-Hendrik H. reagierte genervt auf wiederholte Nachfragen der WDR-Journalistin
Immer wieder sei die Reporterin mit ihm seine Sätze durchgegangen. Er habe in dieser Situation damals genervt reagiert, sagt Jan-Hendrik H. heute. Schließlich habe die Reporterin ihn dann gefragt, ob es nicht doch um kurz nach 19 Uhr gewesen sein könnte, als die Tumulte im Trakt begannen? „Da habe ich gesagt, vielleicht kommt das hin.“ Und schon sei der Dreh im Kasten gewesen.
Kurz nach 19 Uhr passte zum Rest der Story: Nämlich, dass die JVA über 20 Minuten lang den Brand in Zelle 143 nicht beachtet habe. Der Spin der Geschichte stimmte offenbar aus Sicht der „Monitor“-Journalisten: Vollzugsbeamte übersehen einen Brand in der Zelle eines fälschlicherweise einsitzenden, syrischen Asylbewerbers – ausländerfeindliche Motive nicht ausgeschlossen. So wirkt der Beitrag auf den geneigten Zuschauer.
Dabei legen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft genau das Gegenteil nahe. Demnach trommelten erst gegen 19.18 Uhr die ersten Gefangenen gegen die Türen. Rauch erreichte die oberen Etagen, der Brandgeruch breitete sich aus. Eine Minute später drückte Amed A. den Alarmknopf, öffnete sein Fenster und rief um Hilfe. Etwa um 19.23 Uhr taumelte der Gefangene aus der geöffneten Zelle.
Jan-Hendrik H. weiß heute, dass er damals vor der Kamera eine falsche Aussage gemacht hat. „Ich habe der Reporterin von Monitor gesagt, dass ich die Zeitangabe nie vor Gericht unterschreiben würde, aber das war ihr egal.“ Zwei Tage nach dem Interview hat der Dortmunder mit einem Mitgefangenen gesprochen. Der Mann habe ihm erzählt, wie sich das Geschehen tatsächlich zugetragen habe. Und dann sei bei ihm auch die Erinnerung zurückgekommen: „Tatsächlich“, erzählt Jan-Hendrik H., „begannen die Tumulte so gegen 19.25 Uhr oder 19.30, da war nämlich gerade der Werbeblock der Serie Berlin Tag & Nacht vorbei.“
Lohn weit niedriger als „Aufwandsentschädigung“
Vom WDR-Magazin „Monitor“ fühlt sich Jan-Hendrik H. „verarscht. Die hatten versprochen, dass ich nicht erkannt werde, meine Mutter hat mich direkt erkannt.“ Auch habe man ihm versprochen, dass er den Beitrag vor Veröffentlichung nochmals zu sehen bekommen werde. „Das ist nie geschehen.“
Die Sache mit dem Geld sei ihm eigentlich gar nicht so wichtig gewesen. „Dann kam die Reporterin und fragte mich, ob ich mit 300 Euro zufrieden wäre.“ Perplex ob der Höhe der Summe habe er genickt. Seinerzeit lieferte Jan-Hendrik H. Medikamente an Apotheken aus. Der Tagessatz habe weit unter der Zahlung des WDR gelegen.
Auf Nachfrage von FOCUS Online bleibt die „Monitor“-Redaktion bei ihrer Darstellung, dass „die Aufwandsentschädigung“ erst nach der Zusage zum Interview angeboten worden sei. Auch habe man nie versprochen, dass sich dieses Honorar lohnen würde. Zudem habe man den Zeugen unkenntlich gemacht und ihm nie in Aussicht gestellt, ihm den Beitrag vor der Veröffentlichung nochmals zu zeigen.
Amed A.s Geschichte habe WDR nicht interessiert
JVA-Bochum, Besucherraum vier: Noch heute ärgert sich Jan-Hendrik H. über die damaligen Abläufe. Dabei hatte er nach eigener Aussage in erster Linie über seinen Freund Amed A. berichten wollen. Immer wieder habe der damals seine Unschuld beteuert, „ok das erzählt jeder, der hier im Knast sitzt“, schränkt der JVA-Insasse im Gespräch mit FOCUS Online ein. Aber irgendwann habe er doch die Geschichte seines Kumpels geglaubt. „Wir haben dann bei den Vollzugsbeamten und einer Gefängnispsychologin nachgehakt, aber da kam nicht viel. Und Amed hat es dann abgehakt.“
In den letzten Tagen vor seinem Tod sei Amed A. immer depressiver geworden. Obschon er nur noch einen Monat hatte verbüßen müssen, sei seine Stimmung auf dem Tiefpunkt gewesen. Als sie beim Sport über den Tod flachsten, habe Amed A. gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“ Irgendjemand muss ihm erzählt haben, dass er nach der Haftentlassung nach Syrien abgeschoben würde. „Dahin wollte er nicht mehr zurück. Mir hat er gesagt, dass da noch einiges offen sei.“
Das Magazin „Monitor“ aber habe diese Geschichte um die Person Amed A. gar nicht interessiert: „Die hatten nur das Brandgeschehen im Sinn“, meint Jan-Hendrik H.
WDR bestreitet Vorwürfe des Zeugen
Als FOCUS Online vor gut drei Wochen die Geschichte um den mutmaßlich manipulierten Zeugen enthüllte, schlug der WDR zurück. „Monitor“-Moderator Georg Restle, kürzlich zum zweitbesten politischen Journalisten wegen seiner wertvollen Aufklärungsarbeit gekürt, schäumte via Twitter. Von „Handlangern der Ermittlungsbehörden“ war da die Rede, der Artikel unterschlage entscheidende Fakten. Die „Monitor“-Redaktion bestritt denn auch jegliche Manipulationen des Zeugen Jan-Hendrik H.
Das Honorar deklarierte der Sender als Aufwandsentschädigung für einen Tag Arbeit. Auch sei die Zahlung erst später vereinbart worden. Die Zusage zum Interview habe der Zeuge „unabhängig von einer Aufwandsentschädigung gegeben.“ Man habe ihm auch keine Formulierungen in den Mund gelegt. Zudem habe der Mithäftling „bei Nachfragen zu den Zeitabläufen keine sich widersprechenden Aussagen gemacht.“
Glaubt man Jan-Hendrik H., entspricht diese WDR-Darstellung nicht den Fakten. Seinem Bericht zufolge konnte er damals keine zeitlichen Angaben machen, vielmehr ließ er sich nach eigenem Bekunden zu einer Falschaussage verleiten. Auch habe man versucht, ihn zum Interview locken: Und zwar mit dem Versprechen einer sich lohnenden „Aufwandsentschädigung“. Hier steht also Aussage gegen Aussage.
Der WDR hatte in einer ersten Stellungnahme vor einigen Wochen betont, die „Monitor“-Recherchen hätten zu neuen Ermittlungen der Behörden geführt. Das stimmt. Nur, dass die Nachforschungen der Strafverfolger die dubiosen Theorien der Reporter widerlegten. Diesen Umstand umging der Sender geflissentlich.
Jan-Hendrik H. muss vielleicht vor Parlament aussagen
JVA Bochum, Besucherraum vier. Zum Ende des Gespräches druckst der Häftling ein wenig herum. Er habe gehört, dass er nun auch noch im parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag als Zeuge zum Fall JVA Kleve aussagen müsse. Langsam wird ihm wohl bewusst, dass die Parlamentarier ihn ordentlich ausfragen werden. Schließlich gilt er als wichtiger Zeuge, sowohl zu Amed A. als auch, wenn es um die Berichterstattung des WDR geht.
Der junge Mann lächelt ein wenig verzagt. Dabei scheint eines klar zu sein: Da sitzt jemand, der in eine Geschichte hineingeschlittert ist, die im Düsseldorfer Landtag zu einem Politikum avancierte. Das Ausmaß dessen vermag er bei weitem nicht zu ermessen.
Jan-Hendrik H. hat überlegt, ob er wegen der „Monitor“-Geschichte einen Anwalt einschalten sollte. „Die haben so viel verdreht und mir falsche Versprechungen gemacht, aber erst einmal muss ich mein Leben auf die Reihe bekommen.“ Inzwischen hat der mehrfach vorbestrafte junge Mann eine neue Freundin. Jedes zweite Wochenende besuche sie ihn. „Morgens um acht Uhr steht sie an der Pforte.“
Ende des Jahres will er raus sein aus dem Gefängnis
In der JVA Bochum hat Jan-Hendrik H. nach eigenen Angaben eine Lehre als Konstruktionsmechaniker angefangen. Hinter sich habe er alle Brücken abgebrochen. „Zur Mutter, zu allen“, erklärt der Gefangene.
15 Monate wegen Autodiebstahls haben sie ihm aufgebrummt, am 1. Mai kommt er laut eigener Aussage in den offenen Vollzug. „Ende des Jahres bin ich hoffentlich wieder draußen, und dann soll sich alles ändern.“ In Düsseldorf will er ein neues Leben anfangen. Nie mehr in den Knast. Ob er es schafft, sei dahingestellt. Jan-Hendrik H. ist zuversichtlich: „Meine neue Freundin gibt mir die nötige Kraft.“
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