Wenn Privatkassen abgeschafft würden, könnten Beiträge der Gesetzlichen sinken

Bertelsmann-Studie
Wenn alle Bürger gesetzlich versichert wären, könnten die Beiträge laut einer Studie spürbar sinken. (dpa / Jens Kalaene)
Wenn alle Bürger gesetzlich versichert wären, könnten die Beiträge einer Studie zufolge spürbar sinken.
Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung könnte jedes derzeit in einer gesetzlichen Kasse versicherte Mitglied pro Jahr durchschnittlich 145 Euro an Beiträgen sparen, wenn gesetzliche und private Krankenversicherung zusammengeführt würden (Audio-Link). Der Untersuchung zufolge verdienen Privatversicherte durchschnittlich 56 Prozent mehr als gesetzlich Versicherte und müssten entsprechend höhere Beiträge zahlen. Zudem seien sie tendenziell gesünder.
In der Berechnung wird nicht berücksichtigt, dass Ärzte einen finanziellen Ausgleich für entfallene Privathonorare erhalten könnten. An der Studie gibt es aber auch massive Kritik.
Der Präsident der Bundesärztekammer Reinhardt warf den Studienautoren „mehr als zweifelhafte Zahlenspielereien“ vor. Die von der Bertelsmann Stiftung angestrebte Einheitsversicherung ermögliche nur gut situierten Selbstzahlern oder Zusatzversicherten Zugang zur Spitzenmedizin, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Einheitsversicherung sei keine gerechtere Alternative zum bisherigen System, sondern ein „Wegbereiter für eine echte Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland“.
Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Gassen, bezeichnete die Befunde als „Bertelsmann-typisch“ und nicht neu. Statt die Privatversicherungen abzuschaffen, sollte man die Hürden zwischen den Systemen abbauen und den Versicherten mehr Wahl lassen, sagte er.
Dazu kommen rechtliche Bedenken. Der Bonner Juraprofessor Thüsing verwies darauf, dass das System der Privaten Krankenkassen vom Grundgesetz geschützt sei.
https://www.deutschlandfunk.de/bertelsmann-studie-wenn-privatkassen-abgeschafft-wuerden.1939.de.html?drn%3Anews_id=1101887&fbclid=IwAR0dT98-GL39_HbbG2FnL3a1mW4YGYZwXXUgSO8qjeEC_wlXNI1nAqS9-uI
Was eine Aufhebung der Zweiteilung bedeuten würde
Die derzeitige Zweiteilung in private und gesetzliche Krankenkassen empfinden viele als unfair. Was die Zusammenführung beider Systeme für alle Versicherte bedeuten würde, hat die Bertelsmann-Stiftung untersucht – und sieht Vorteile für alle Versicherten.
Von Silke Schmidt
Eine Zusammenlegung der Krankenversicherungssysteme in Deutschland hat laut den Machern der Bertelsmann-Studie viele Vorteile – doch es fehle die politische Mehrheit (dpa / Jens Kalaene)
Welche Faktoren wurden untersucht
Wer würde von einem Systemwechsel profitieren?
Wer befürwortet einen Systemwechsel?
Wie argumentieren Kritiker?
Wie realistisch ist ein Systemwechsel?
Was wäre, wenn der Krankenversicherungsmarkt in Deutschland nicht mehr zweigeteilt wäre? Dieses Szenario hat das Berliner Forschungsinstitut für Infrastruktur und Gesundheit (IGES) im Auftrag der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung durchgerechnet. Basis der Untersuchung ist eine repräsentative Befragung von 12.000 Haushalten in Deutschland.
Welche Faktoren wurden untersucht?
Die Bertelsmann-Stiftung hat die Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten bezüglich Einkommen und Gesundheitsrisiko untersucht. Der Studie zufolge verdienen Privatversicherte deutlich besser als gesetzlich Versicherte – im Schnitt 56 Prozent. Gleichzeitig sind sie im Durchschnitt auch gesünder. Gesetzlich Krankenversicherte sind deutlich häufiger chronisch krank, im Krankenhaus und pflegebedürftig als privat Versicherte. Sie sind auch häufiger erwerbsgemindert und schwerbehindert.
Wer würde von einem Systemwechsel profitieren?
Wenn die Privatversicherten in die gesetzlichen Kassen integriert werden, führt das der Studie zufolge insgesamt zu einem günstigeren Risikoprofil und damit zu geringeren Versicherungsbeiträgen für alle. Demnach könnten die Gesetzlichen Krankenversicherungen ein jährliches Plus von rund neun Milliarden Euro erzielen. Die Beiträge für alle Versicherten könnten danach um bis zu 145 Euro pro Jahr und Person sinken, umgerechnet knapp 13 Euro pro Monat.
Der ökonomische Nutzen wäre allerdings geringer, wenn die Ärzte einen finanziellen Ausgleich für den Ausfall der höheren Privathonorare bekämen. Dann würde die mögliche Beitragssenkung von knapp 13 Euro auf vier Euro pro Monat sinken.
Wer befürwortet einen Systemwechsel?
Die Macher der Bertelsmann-Studie sind der Auffassung, ein Wechsel lohne sich in jedem Fall auf einer ideellen Ebene. Ihr Argument: Die Menschen hätten das Gefühl, dass sie alle zu einem System gehörten, in dem solidarisch für Krankheitsrisiken eingestanden wird. Und die Zahlen deuten darauf hin, dass keine Mehrkosten entstehen, sondern am Ende sogar die gesamte Versichertengemeinschaft profitiert.
Wie argumentieren Kritiker?
Vertreter der Privatverischerer halten die Schlussfolgerungen aus den sozio-ökonomischen Verhältnissen für nicht tragfähig, da es sich um sehr schwankende Datenbasen handele. Zudem sei das Durchschnittsalter der Pirvatverischerten höher als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Und Gesundheitslkosten korrelierten eindeutig mit dem Alter.
Wann könnte ein Systemwechsel kommen?
Die Studienmacher räumen ein, dass ihr Szenario nicht realistisch und „umsetzungsnah“ sei. Eine Zusammenlegung beider Krankenversicherungssysteme zu einer Art Bürgerversicherung habe derzeit zudem keine politische Mehrheit.
https://www.deutschlandfunk.de/private-und-gesetzliche-krankenversicherung-was-eine.1766.de.html?dram:article_id=470459