Nach dieser Fahrt im Elektroauto behalte ich erstmal meinen Diesel

Bernd Ramler war auf großer Fahrt mit seinem neuen Elektro-SUV. Sein Fazit: Zumindest die Hoffnung, die Emobilität könne den Diesel ersetzen, ist ein Trugschluss – und Politiker sollten zu vier Wochen Elektroauto zwangsverpflichtet werden. Ein Gastbeitrag.

Im Dezember bin ich mit meinem nagelneuen Hyundai Kona electric meine übliche Strecke aus dem Emsland nach Stuttgart gefahren. Die gleiche Fahrt mache ich häufig mit meinem Mercedes Diesel C300h Kombi. Hier ein direkter Vergleich über 1245 Kilometer.

Mein Elektro-SUV
Mein Hyundai Kona electric mit seiner 64 KWh-Batterie hat eine ähnliche Prospektreichweite wie ein Tesla: 449 km im WLTP-Test und 619 km Stadtreichweite, bei 1807 Kilogramm Normgewicht. Die Leistung: 150 kW / 204 PS (wobei im Fahrzeugschein nur 28 KW / 38 PS bei Last über 30 Minuten übrig bleiben – somit steht im Schein nur eine Nennleistung von 28 kW). Eine Anhängerkupplung ist bei diesem SUV wie bei fast allen E-Fahrzeugen nicht verfügbar.
Bernd Ramler ist Diplom-Ingenieur und hat unter anderem bei Daimler, AMG und Porsche gearbeitet. Mit seinem Ingenieurbüro (zur Webseite) hat er sich unter anderem auf historische Rennfahrzeuge sowie Nachrüst-Pakete für Elektro- und Hybridfahrzeuge spezialisiert. Er ist also sowohl in der Welt der Verbrennungsmotoren als auch der Batterien zuhause.

Leider ist, auch hier wie bei fast allen E-Fahrzeugen, im 2019er Modell des Kona nur ein einphasiger 7,2 kW-Onboard-Lader verbaut, der aber aufgrund deutscher „Schieflast-Vorschriften“ nur mit 4,6 kW lädt. Das heißt: Auch an stärkeren öffentlichen Ladesäulen lädt die Batterie mit maximal 4,6 KW, es wird also eine Ladezeit auf 100% bei leerer Batterie von ca. 15 Stunden gebraucht. An der 220 Volt-Dose (max. 2,1 kW) braucht eine leere Batterie 30,5 Stunden Ladezeit. Das ist die Praxis.
30 Stunden Ladezeit an einer normalen Steckdose
Viele öffentliche Säulen haben keine Schnellladeeinrichtung – nur 11 bis 22 KW. Hier muss ein fast leerer Hyundai Kona E über 10 Stunden die Säule blockieren. Erst an den Schnellladestationen an der Autobahn geht eine Ladung für ca. 200 Kilometer in einer Stunde. Nix mit Ex-Kanzler Gerhard Schröders Spruch „Da hol mir mal ein Bier“ – oder Frau Merkels: „Nach einer Kaffeepause ist das Auto wieder auf der Autobahn“!
Eine Langstreckenfahrt muss also gut vorgeplant werden. Und so lief sie ab:

Wir hatten bis Stuttgart zwei Ladepausen mit je einer Stunde eingeplant. Auf der A3 Ohligser Heide waren vier gute Ladesäulen – alle waren frei – und nach einigen Startversuchen mit einer Freischalt-App am Handy klappte die Ladung mit 58 KW Ladeleistung.
Auf der Rückfahrt wurden wir mutiger und kamen mit unter 100 Kilometern Restreichweite auf der A3 Raststätte Medenbach an – puh…. die einzige Säule dort war immerhin frei. Aber nach 30 Minuten Probieren und einem Anruf bei der EON-Hotline stellte sich heraus, dass diese Säule am Schnellladekabel defekt war.
Also weiter: Die Suche in der Lade-App ergab erst in Limburg eine weitere Schnelladesäule. Mit dem 4,6 kW OnBoard-Lader hätten wir trotz noch funktionierender 22 kW-Säule für 200 Kilometer Fahrt also 11 Stunden Ladezeit benötigt.
Heißt: Mit schwitzenden Händen in Schleichfahrt hinter einem großen Wohnmobil im Windschatten bis Limburg….was auch gelang. Nur: Dort war die einzige Säule durch einen holländischen Audi belegt. Der Fahrer ließ sich überreden und dockte ab, er hatte als Hybrid noch ein paar Liter Benzin drin. Mal eine bescheidene Frage, liebe Bundesregierung: Wie soll das erst mit 30 -50 Autos pro Stunde – wie an den Kraftstoffsäulen zu sehen war – funktionieren? Aber vielleicht muss man ja einfach das Positive sehen: 50 Ladesäulen je 100 kW in Reihe ergibt zumindest eine gute Parkplatzheizung durch Zuleitungen. Das spart dann Energie und freut wahrscheinlich das Klima.
Für die Ladung in unserem Zielort standen nur 11 kW-Säulen in der Nähe zur Verfügung. Also immer über 10 Stunden dort abstellen und drei Kilometer zu Fuß zur Übernachtung. War wenigstens gesund…
Betrachtet man die reinen Fahrtkosten, steht es unterm Strich übrigens unentschieden. Mit 105 bis 106 Euro unterscheiden sich die Kosten zwischen Stromer und Diesel praktisch nicht. Zugrunde gelegt wurden die tatsächlich bezahlten Ladekosten sowie der reale Durchschnittsverbrauch meines Diesels (6,7 Liter / 100 km bei 1,26 Euro pro Liter).
Fazit
Seien wir realistisch: So werden sich in unserer eher hektischen Zeit keine großen Kundenkreise für Emobilität freiwillig erwärmen lassen. Jedenfalls keine, die täglich hart und lange arbeiten müssen. Es erfordert immer noch einen Diesel für die täglichen Funktionen über längere Strecken. Kurzstrecke okay – aber ohne bessere Ladeinfrastruktur auch irgendwie „ätzend“. Immerhin: Es soll nachgebessert werden; bei Hyundai zum Beispiel kommt für den Kona ein leistungsfähiger, 3-phasiger Onboard-Lader. Das wäre schon mal ein großer Schritt nach vorn.
https://www.focus.de/auto/elektroauto/praxistest-mit-kostenvergleich-nach-dieser-fahrt-im-elektroauto-behalte-ich-meinen-diesel_id_11514889.html?fbc=fb-shares&fbclid=IwAR1nqMroyRTH_sxmKnLfokgXfzir8YfxxGPWuWrKiXaKWvt2jyCcEIe6-ZM