„Ich spreche den Grünen jede Kompetenz für Landwirtschaft ab“

Landesbauernverbands-Präsident Wolfgang Vogel über Frust bei Bauern, große Felder und die Düngeproblematik
Grimma. Am Donnerstag wird beim Sächsischen Landesbauernverband ein neuer Vorstand gewählt. Der jetzige Präsident Wolfgang Vogel tritt nach zwölf Jahren nicht mehr an. Jan-Dirk Franke sprach mit ihm über eine Regierungsbeteiligung der Grünen, den Glyphosateinsatz und die Verschärfung der Düngeverordnung.
Freie Presse: In Sachsen läuft nach der Wahl alles auf eine Kenia-Koalition hinaus. Gut möglich, dass dann die Grünen das Landwirtschaftsministerium übernehmen. Was sagen Sachsens Bauern dazu?

Wolfgang Vogel: Meine Meinung dazu ist: Den Grünen darf man dieses Ministerium nicht überlassen, weil sie nicht frei von Ideologie sind. Ich möchte auch davor warnen, die Landwirtschaft in den Koalitionsgesprächen zum Spielball zu machen. Was mich aufregt, ist die immer wiederkehrende Diskussion der Grünen um die Schlagworte Massentierhaltung, den Einsatz von Pestiziden und zu viel Dünger auf den Feldern. Dies unterstellt uns ja, dass wir bewusst unsere Böden schädigen. Dagegen wende ich mich entschieden. Ich habe zudem bis heute nicht wahrgenommen, dass sich die Grünen dafür einsetzen, dass unsere Lebensmittel eine andere Wertschätzung und wir eine vernünftige Wertschöpfung für unsere Produkte erhalten. Natürlich sind wir zum Dialog bereit – aber nur auf einer fachlich-sachlichen Basis. Ich spreche den Grünen aber jede Kompetenz für die Landwirtschaft ab. Zutiefst gekränkt hat mich nicht zuletzt auch deren Wahlwerbung (Anmerk. der Red.: Auf einem Plakat stand: „Mach dich vom Acker, Gift!“) Ich vergifte meinen Boden nicht!

Wie ist eigentlich die Stimmung bei den Landwirten?

Nicht gut. Es herrscht viel Frust bei den Leuten. Was sie am meisten bewegt, ist, dass es keine Impulse für die Landwirtschaft von der Bundesregierung gibt. Wir werden mit Verordnungen, Geboten und Verboten überhäuft, die nicht weniger, sondern mehr werden. Es wird überall nur davon gesprochen, was nicht mehr geht. Es redet niemand davon, was geht. Aber das ist nur in Deutschland so. Ob Polen, Frankreich, Italien, Tschechien, Ungarn und Rumänien – alle sehen zu, dass die Landwirtschaft vernünftig produzieren kann. Nur hier wird ein Verbot nach dem anderen rausgehauen. Das regt die Leute auf.

Und dann passt auch noch das Wetter nicht …

Wir haben schon das zweite Jahr infolge katastrophale Witterungsbedingungen, infolgedessen die Ernteerträge an der Grenze sind. Die Getreideernte war in diesem Sommer zwar nicht so schlecht wie im vorigen Jahr. Wir liegen aber dennoch unterhalb des langjährigen Mittels. Sorgen mache ich mir um die Futtersituation. Die Maisbestände sehen in einigen Regionen schlimm aus. Ich mache mir ernsthaft Gedanken, wie die Betriebe über den Winter kommen. Die Reserven aus dem Vorjahr sind ja aufgebraucht. Der eine oder andere trägt sich mit dem Gedanken, aus der Milchproduktion auszusteigen.

Was würde helfen?

Wir brauchen ein vernünftiges Risikomanagement. Schon seit zehn Jahren fordern wir eine steuerneutrale Risikorücklage. Allerdings würde die im Moment nicht viel bringen. Man muss ja erst mal Gewinne haben, um etwas zurücklegen zu können. Ich möchte eine Lösung, ein Versicherungsmodell, mit dem sich die Betriebe gegen diese Risiken absichern können. Dafür brauchen wir aber eine Anschubfinanzierung vom Staat.

Wieso?

Es muss ja erst ein gewisser Versicherungsstock aufgebaut werden. Die Versicherung sollte aber von Beginn an für den Landwirt bezahlbar sein. Wir haben uns das in den USA angeschaut. Wird der Zuschuss einmal nicht ausgeschöpft, muss die Versicherung das Geld zurück an den Staat zahlen. Und wenn es nicht reicht, tritt der Staat in die Haftung ein. Auch die Dänen haben ein solches System aufgesetzt und die Polen tun es auch. Warum machen wir das hier nicht?

Die Bundesregierung muss die Düngeverordnung nachschärfen. Gerade erst haben die beiden zuständigen Bundesministerinnen ihre Vorschläge in Brüssel vorgelegt. Was bedeutet das für die Landwirte?

Wir werden uns, wenn das so weitergeht, von der Qualitätsgetreideproduktion verabschieden. Wir werden nicht mehr weltmarktfähig sein und müssen höherwertiges Getreide, wie es zum Backen von Brot und Brötchen benötigt wird, eben importieren. Da fragt dann leider keiner danach, wie das produziert wurde.

Sie meinen, die Düngemengen werden nicht mehr ausreichen, um hochwertiges Getreide zu erzeugen?

Ja. Und das Schlimme daran ist: Es ist auch noch Nonsens, den Ausbringungszeitpunkt von Dünger im Herbst zu verkürzen. Wir reden doch von Klimaveränderung. Die Vegetation hat sich nach hinten verschoben, sie geht länger in den Herbst hinein und beginnt im Frühjahr eher. Wir brauchen aber im Herbst eine vernünftige Andüngung, um ein ordentliches Wurzelwachstum zu erreichen. Beim Wintergetreide muss ich dafür auch im September Gülle ausbringen dürfen.

Ein Sorgenkind der Bauern ist der Raps. Weil das Saatgut nicht mehr gebeizt werden darf, sinken die Erträge. Nun gehen die Anbauflächen zurück. Sie halten Raps als Vorfrucht und Eiweißlieferant aber als unverzichtbar und das Verbot der Neonikotinoide für falsch. Erklären Sie uns das bitte.

Wir brauchen den Raps in der Fruchtfolge. Er wurzelt zwei bis drei Meter tief und trägt dazu bei, dass der Boden aufgelockert wird. Der Raps liefert Öl und kann für die Biodiesel-Herstellung genutzt werden. Das Schrot dient als Eiweißversorgung in der Tierproduktion. Wenn man weniger Raps anbaut, weil es sich nicht mehr lohnt, fehlt auch eine Menge Eiweißfutter. Wenn das nicht mehr da ist, muss man mehr Soja importieren. Wollen wir das? Deswegen brauchen wir den Raps. Es wird aber immer schwerer, ihn anzubauen. Weil die Betriebe seit dem Verbot der Neonikotinoide kein gebeiztes Saatgut mehr verwenden dürfen, müssen sie bis zu fünf Mal mit der Pflanzenschutzspritze übers Feld fahren, damit der Keimling erhalten bleibt. Das ist viel aufwendiger. Einen besseren Schutz als die Beize gibt es nicht.

Was passiert mit dem Keimling, wenn das Saatgut nicht gebeizt ist?

Dann kommen der Rapserdfloh und die Kleine Kohlfliege und fressen den Keimling ab.

Die Neonikotinoide, die zum Beizen verwendet wurden, sind ja aber nicht nur in Deutschland verboten …

Ja, aber in Polen gibt es eine Sondergenehmigung, um sie dennoch anzuwenden. In Ungarn und Tschechien auch. Von gleichen Wettbewerbsvorteilen in der EU kann da keine Rede sein.

Es gab doch aber auch einen Grund für das Verbot …

Ja, die Bienen. Die Neonikotinoide wurden als Insektizide unter anderem für das Bienensterben verantwortlich gemacht. Was Ihnen aber jeder ehrliche Imker sagen wird: Es sind keine zwei Prozent der Bienen, die an Insektiziden sterben. Es gab allerdings in den Jahren 2006 und 2007 einen unsachgemäßen Einsatz von gebeiztem Saatgut. Da stimmte die Technik und das Beizverfahren nicht. Nun wird ein ganzer Berufsstand dafür bestraft.

Was ist da passiert?

Im Bereich des Rheingrabens wurde Maissaatgut ausgelegt, wo die Beize nicht haftete. Es wurde zudem mit einer pneumatischen Maislegemaschine ausgebracht. Durch den Luftdruck wurde das nicht haftende Beizmittel freigesetzt. An den Staubwolken sind jede Menge Bienen kaputtgegangen.

In Deutschland verbieten immer mehr Kommunen den Einsatz von Glyphosat auf Pachtflächen, die Bahn will nur noch halb so viel verwenden, um das Unkraut an den Gleisen in Schach zu halten. Und die Bauern?

Wir sind für eine Reduzierung des Einsatzes, aber nicht für ein Verbot. Der Wirkstoff hat uns in den letzten Jahren geholfen, eine saubere Feldhygiene hinzubekommen. Wir haben keine Quecken mehr und keinen Ackerfuchsschwanz. Den Einsatz von Glyphosat zur Erntebeschleunigung lehnen wir allerdings ab. Damit konnten wir uns aber leider als Landesverband bereits 2015 innerhalb des Deutschen Bauernverbandes nicht durchsetzen.

Ackerland wird immer teurer, weil Investoren nach Land gieren. Darunter leiden vor allem Bauern mit kleineren Höfen. Sachsen-Anhalt will nun den Ausverkauf bremsen. Wie ist die Lage in Sachsen?

Sicher, es gibt solche Investoren. Es sind aber auch Berufskollegen aus anderen Bundesländern darunter, die Land verkauft haben für Straßenbaumaßnahmen oder anderes und die innerhalb von vier Jahren das Geld reinvestieren müssen, um nicht Steuern darauf zu bezahlen. Hinzu kommt: Die BVVG (Red.: Bodenverwertungs- und -verwaltungs-GmbH) hat in den zurückliegenden Jahren durch ihre Ausschreibungspolitik den Flächenkauf durch branchenfremde Investoren begünstigt.

Warum?

Weil da teilweise Preise aufgerufen wurden, die so hoch waren, dass wir nicht mitbieten konnten. Es geht aber nicht nur um den Verkauf von Flächen, sondern auch um das Pachten. Da ist die Entwicklung schon besorgniserregend. Wir brauchen hier eine Art Pachtbremse.

Als eine Ursache für das Insektensterben werden gern auch die Feldstrukturen angeführt, die zu großflächig sind. Es gibt zu wenige Blühstreifen, Hecken und Baumlandschaften dazwischen. Müssen da die Landwirte nicht ein wenig umdenken?

Was sind denn Lebensräume für Insekten? Offene Gewässer, Gräben, Blühwiesen. Aber Getreide, Mais oder Raps ist auch für die Insekten da. Wir stellen uns der Frage der Blühstreifen, das machen wir auch. Ich kann aber persönlich nicht feststellen, dass wir weniger Insekten haben. Wenn ich bei uns in der Region unterwegs bin, muss ich jeden Tag die Autoscheibe putzen. Was ich mich aber auch frage: Weshalb konzentriert man sich immer nur auf die Landwirtschaft und grenzt die Städte, Dörfer und Gewerbebetriebe aus? Man muss nur einmal schauen: Wie viel Acker- und Grünland gab es 1990 und was steht dem heute gegenüber an Gewerbegebieten, Wohnbebauungen und so weiter. Wie viele Flächen sind inzwischen versiegelt?

Dennoch spricht doch nichts dagegen, die großen Feldflächen etwas aufzulockern …

In der Lommatzscher Pflege mag es Felder geben, wo noch eine Hecke oder ein Blühstreifen ratsam wären. Aber ansonsten haben wir in Sachsen – anders als vielleicht in Mecklenburg-Vorpommern – nicht die großen ausgeräumten Landschaften. Auf der anderen Seite: Man kann auch nicht alles von Groß auf Klein umstrukturieren, das funktioniert nicht. Dann müssten die Produkte teuerer werden.

Nach 2020 soll die nächste EU-Agrarreform kommen. Was kommt da auf die Bauern zu?

Ich kann diese Frage heute nicht vollständig beantworten. Wir als Bauernverband kämpfen darum, dass das Zwei-Säulen-System erhalten bleibt. Die erste Säule dient als Einkommensausgleich, die zweite ist für Agrarumweltmaßnahmen und den ländlichen Raum gedacht. Was ich mir wünsche, wäre ein Bürokratieabbau. Aber den wird’s wohl nicht geben. Die Bürokratie wird eher zunehmen. Das ist das Schlimmste von allen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Ich gehe davon aus, dass es weiterhin Landwirtschaft geben wird. Ich rechne damit, dass wir uns irgendwann einmal darauf besinnen, was Landwirtschaft zu aller erst leisten muss: die Ernährung der Bevölkerung. Es wäre schön, wenn die Landwirtschaft in der Wertschöpfung und in der Wertschätzung wieder die gesellschaftliche Stellung erhält, die sie verdient. Die Landwirtschaft gehört in die Mitte der Gesellschaft. Aber der Weg ist weit. Was dazu gehört, ist eine Einigkeit des Berufsstandes. Da habe ich aber momentan eher das Gefühl, dass die Branche auseinanderdriftet.

Die Bundesregierung hat als Zielmarke einen Anteil von 20 Prozent ökologischer Landwirtschaft in Deutschland ins Auge gefasst. Halten sie das für realistisch?

Meine Meinung ist: Um die zehn bis zwölf Prozent sind in Ordnung. Alles, was über 15 Prozent hinausgeht, macht den Markt kaputt. Und wenn die ökologischen Produkte keine vernünftige Wertschöpfung haben, lohnt sich die Produktion nicht. Ich kenne auch Betriebe, die inzwischen wieder aussteigen.

Die Bundesregierung will 2020 ein Tierwohllabel auf den Markt bringen. Bringt das etwas für die Bauern? Es gibt ja nun schon einige solcher Labels.

Ich halte davon nichts. Weil für den Bauern dabei nicht mehr bei rumkommt. Wir brauchen eigentlich nur ein Label.

Sie haben gut zwölf Jahre als Präsident den Landesbauernverband vertreten – und sich mit einer Menge Dinge beschäftigen müssen. Das Hochwasser 2013, die Milchkrise 2008. Das Jahr 2010, wo die Ernte fast abgesoffen ist. Das Krisenjahr 2016 mit Preiseinbrüchen, die Russlandsanktionen, der Dürresommer 2018. Was hat Sie am meisten Nerven gekostet?

Gute Frage! Das alles hat schon Nerven gekostet. Ich denke, die Milchkrise war eines der schlimmsten Dinge, die wir hatten. Das war schon heftig. Was mich 2018 bewegt hat: Wir dachten, es ist richtig, wenn wegen der Dürre die nationale Katastrophe ausgerufen wird. Ich bin mit rumgereist, um in anderen Bundesländern für Unterstützung zu werben. Damit die Bundesregierung mit einsteigt, müssen mindestens drei Bundesländer betroffen sein. Doch das kam als Bumerang zurück.

Inwiefern?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte die Auszahlung der Dürrehilfen an eine Bedürftigkeitsprüfung geknüpft. Die Leute mussten sich ausziehen bis aufs Letzte, um das Geld zu kriegen. Schauen Sie: Für den Wald gibt’s die staatliche Unterstützung jetzt einfach so. Ist das gerecht?

Sie haben vor fast zehn Jahren einmal gesagt: Wir müssen als Bauern lernen, Produkte in größeren Einheiten zu vermarkten: Ist das gelungen?

Zu der Aussage stehe ich nach wie vor. Wir haben Erzeugergemeinschaften aufgebaut. Mein Betrieb gehört einer an, die 110 Mitglieder hat und über 20 Millionen Euro Umsatz erzielt. Leider sind auch eine Reihe von Erzeugergemeinschaften aus verschiedenen Gründen wieder zerfallen. Da müssen wir weiter ran. Der Weg ist richtig.

Wolfgang Vogel
Der heute 67-Jährige war 2007 erstmals zum Präsidenten des Sächsischen Landesbauernverbandes (SLB) gewählt worden. Der SLB ist die größte Interessenvertretung der Bauern im Freistaat. Bei der Wahl des neuen Vorstandes am Donnerstag in Coswig tritt Vogel nicht mehr an. Sein Amt als Vize-Präsident des Deutschen Bauernverbandes will der Agraringenieur noch bis Juni 2020 ausüben. Er ist auch Geschäftsführer der Bauernland GmbH in Beiersdorf bei Grimma.
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