Ex-Direktorin von Brennpunktschule: „Wir fahren eine ganze Generation an die Wand“

Drohungen, gewalttätige Schüler, aggressive und ignorante Eltern: So sah der Alltag von Doris Unzeitig als Direktorin einer Berliner Brennpunktschule fünf Jahre lang aus. Inzwischen hat sie hingeschmissen. Weil sie sich im Stich gelassen fühlte, wie sie sagt. Die Politik habe auf dem Schulhof versagt. Verlierer sind die Kinder.

„Eine Reise aus der Idylle in die Niederungen des Großstadt-Dschungels.“ So beschreibt Doris Unzeitig ihren Wechsel von einer Dorfschule im Salzkammergut in den oberösterreichischen Bergen an die Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg.

Sie liegt in einem Problemkiez, gilt als Brennpunktschule mit extrem vielen Schülern aus extrem schwierigen Verhältnissen. Gewalt, Armut, Drogen, auch Prostitution, sind Themen, mit denen sich Lehrer hier auseinandersetzen müssen. Viele Kinder stammen aus dem bildungsfernen Milieu, sprechen zuhause öfter Arabisch oder Türkisch als Deutsch und erfahren durch das Elternhaus kaum bis keine Unterstützung in Sachen Schule. Sie zu fördern und zum Lernen zu motivieren, ist eine Mammutaufgabe für Lehrer.
„Wollte keine Bildungspolitikerin werden“
Doris Unzeitig wollte sich dieser Herausforderung stellen, ließ sich 2009 aus Österreich dorthin versetzen, von wo die meisten ihrer Kollegen am liebsten ganz schnell wieder wegwollen. Der Alltag an ihrer alten Schule war ihr zu eintönig geworden, zu wenig aufregend, wie sie sagt. „Ich wollte über den Tellerrand meiner Schule in einem 1000-Seelen-Dorf hinausschauen. Ich wollte Dinge verändern, mich für die Kinder einsetzen“, erklärt Unzeitig im Gespräch mit FOCUS Online.

Ihr Fazit zehn Jahre später: ernüchternd. Die großen Ambitionen von damals sind passé. „Ich habe den Verwaltungsapparat unterschätzt und die Unterstützung von Vorgesetzten und Politik überschätzt“, sagt die ausgebildete Montessori-Pädagogin. „Ich bin Lehrerin, doch in Berlin habe ich mich oft wie eine Bildungspolitikerin gefühlt. Das wollte ich nie.“

Die Gründe dafür sieht Unzeitig im deutschen Schulwesen begründet: Die Kompetenzen seien kompliziert verteilt, die Verfahren lang, das Geld immer knapp. „Als Praktikerin vor Ort Dinge zu verändern, ist immens schwierig“, sagt sie. „Teilweise konterkarieren übergeordnete Instanzen ganze Beschlüsse, die in den Schulen helfen könnten.“

Kinder, die mit Stöcken aufeinander einprügeln
Die Zustände, die die ehemalige Schulleiterin schildert, sind erschreckend und beschämend. Sie erzählt von Kindern im Grundschulalter, die ihren Klassenkameraden Löcher in die Klamotten schneiden, Haare ausreißen, mit Fäusten und Stöcken aufeinander einprügeln, die sich bedrohen und auf das Übelste beschimpfen mit Ausdrücken, die so ordinär sind, dass sie nirgendwo hingehören, auf keinen Fall jedoch auf den Schulhof. „Ich töte ihn. Ich schneide ihn auseinander“ bedrohte einmal ein Elfjähriger einen Mitschüler.

Vor allem in der Retrospektive mache sie vieles, das sie über die vergangenen fünf Jahren hinweg an der Spreewald-Schule erlebt hat, fassungslos, schreibt Unzeitig in ihrem gerade erschienenen Buch. Manches widere sie an. „Es gab keinen Tag, an dem kein Schüler, kein Kollege oder Elternteil auf mich zu kam, weil etwas passiert war.“
Schulleiterin engagierte Wachdienst für den Pausenhof
Weil sich die Situation partout nicht besserte, engagierte sie im März 2018 sogar einen privaten Wachdienst – an den Behörden vorbei, „als letzte Möglichkeit, um die Situation in der Schule zu entspannen“, wie Unzeitig sagt.

Denn die Muskel-Berge der Sicherheitsleute nötigten nicht nur vielen Vätern, denen es schwerfiel, eine blonde Frau als Autoritätsperson zu akzeptieren, die sie „Nutte“ schimpften, weil sie einen Rock trug, mehr Respekt ab als den Lehrkräften, sondern sie sprachen vielfach auch die Sprache der Kinder. Ein entscheidender Vorteil, wie die Pädagogin findet.

„Untereinander unterhalten sich viele Schüler auf Türkisch oder Arabisch. Von den Lehrkräften versteht das aber nur eine Handvoll“, erklärt die ehemalige Schulleiterin die Situation. „Für die Kollegen war es oft schwierig, rechtzeitig zu reagieren, weil sie schlicht nicht verstanden haben, was sich Schüler gegenseitig an den Kopf geworfen haben.“ Die Sicherheitskräfte, die Unzeitig zufolge zum Großteil aus dem Ausland stammten, einen Migrationshintergrund hatten, hätten geholfen, solche Streitigkeiten unter den Kindern früher zu antizipieren und ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, ehe sie eskalierten.

Doch Sicherheitspersonal auf einem Schulhof, muss das sein? Darf das sein? Die Reaktionen auf die ungewöhnliche Aktion der Berliner Schulleiterin waren geteilt. Ihr Einsatz wurde inzwischen eingestellt.

„Respekt der Schüler habe ich mir hart erkämpft“
Gegen sich selbst hat die Österreicherin in ihrer Zeit an der Berliner Brennpunktschule keine Gewalt erlebt. „Ich bin aber auch entsprechend aufgetreten“, sagt die heute 49-Jährige. „War immer schick und adrett gekleidet und bin bestimmt aufgetreten. Den Respekt der Schüler und Eltern habe ich mir hart erkämpft.“

So glimpflich ging es nicht für alle Kollegen ab: Einer schwangeren Kollegin schlug ein Schüler einmal in den Bauch. „Um zu testen, ob es ihr weh tut“, wie Unzeitig in ihrem Buch schreibt.

Andere Kollegen haderten noch mehr mit den Umgangsformen an der Grundschule: Vor allem Quereinsteiger, die aus Personalnot heraus in Klassen aushelfen sollten, wollten mitunter gar nicht mehr unterrichten, so überfordert waren sie mit dem, was in den Klassenräumen abging, erzählt Unzeitig. „Teilweise musste ich sie daran erinnern, dass sie einen Arbeitsvertrag haben und dafür bezahlt werden, zu unterrichten und die Kinder zu fördern.“
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