„Das ist doch gutmenschenverkopft“: Tui-Chef bezieht Stellung in Flugscham-Debatte

Endlich mal ein Mann aus der Wirtschaft, der nicht in den politisch korrekten Chor einstimmt und der ein paar Fakten nennt, die eigentlich ganz offensichtlich sind, aber oft nicht ausgesprochen werden. Wir bräuchten viel mehr solche Manager – statt Opportunisten wie Diess und Kaeser.

Die „Fridays for Future“-Bewegung rund um Greta Thunberg hat dafür gesorgt, dass Fliegen so kritisch wie seit langem nicht mehr gesehen ist. Der Vorwurf: Flugreisen stoßen zuviel CO2 aus. Tui-Chef Joussen hat eine andere Meinung.

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ stellte Joussen klar, warum er die Diskussionen über „Flugscham“ nicht für zielführend hält. „Der CO2-Ausstoß hat sich seit der Industrialisierung immer proportional zum Wohlstand entwickelt. Die größten Faktoren dabei sind, in dieser Reihenfolge, Heizen, Individualverkehr, Bauen“, so Joussen. Der Luftverkehr wiederum spielt dem Manager zufolge kaum eine Rolle: „Flüge sind ungefähr zwei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich, ähnlich wie kommerzielle Schifffahrt.“

„Fridays for Future“-Ansage von Joussen
Joussen hält es für gefährlich, sich bei der Klimarettung nur auf diesen einen Punkt zu konzentrieren: „Wir sollten den Menschen nicht erzählen, wenn wir hier in Deutschland aufs Fliegen verzichten, retten wir das Klima. Leider funktioniert die Weltwirtschaft so nicht. Die Menschen werden enttäuscht sein, wenn sie sich anstrengen, aber sich in der Summe nichts ändert.“

Ausweg Wasserstoff
Auf die Frage hin, Joussen müsse in seiner Rolle als Tui-Chef ja fürs Fliegen argumentieren, entgegnete der Manager, dass hierzulande über Verzicht geredet werde, während in China 165 neue Flughäfen entstehen würden. „Es mag also sein, dass bei uns weniger Kerosin verbrannt wird, aber das nützt nichts, wenn es stattdessen dort verbrannt wird. So lange wir Öl und Gas aus der Erde holen, wird es immer irgendwo auf der Welt verbrannt. Eine Wende kann nur gelingen, wenn wir Wohlstand und CO₂-Ausstoß entkoppeln. Die Frage ist, kann das gelingen?“
Einen Ausweg sieht Joussen etwa in Wasserstoff-Antrieben, schränkt aber ein: „Das Problem ist, dass die Herstellung zu teuer ist. Damit Wasserstoff Öl und Gas ersetzen kann, muss man eine Kilowattstunde für etwa zwei Cent produzieren. Das geht nur über Solarenergie in der Wüste. Alles, was wir hier machen, ist für das Ziel also nutzlos. Die Herausforderung ist global, und wir müssen die ölproduzierenden Staaten einbeziehen. Sonst wird das Öl in Länder geliefert, die unsere Standards nicht übernehmen wollen.“
„Alles ist besser, wenn Touristen da sind“
Der Manager ist auch überzeugt, dass Tui eine große gesellschaftliche Verantwortung erfülle. Außerdem seien zu viele Reisende nicht das Problem, sondern sogar eher zu wenig Reisende: „In Haiti gibt es kaum Touristen, in der Dominikanischen Republik gleich daneben aber sehr viele. Wo es Tourismus gibt, ist die Kindersterblichkeit geringer, Lebenserwartung und Einkommen höher.“

Von einem zu angestrengten Verzicht, der ohnehin kaum eine Wirkung für die Klimarettung bringt, hält Joussen darum wenig. „Alles ist besser, wenn Touristen da sind. Tourismus ist für viele Länder die einzige Möglichkeit, sich zu entwickeln. Und wir sitzen im reichen Deutschland und fragen: Sollen wir wirklich reisen? Das ist doch gutmenschenverkopft.“

Bitte an „Fridays for Future“-Anhänger
Joussen ist nicht der einzige Top-Manager, der sich zuletzt kritisch in der Klimadebatte geäußert hat. So beklagte Rolf Martin Schmitz, Chef von RWE, kürzlich in einem Interview, dass es in der Gesellschaft eine gewisse Bigotterie gebe: „Alle wollen Energiewende, aber nicht bei sich selbst. Ich hoffe, dass die jungen Leute, die jetzt für Fridays for Future auf die Straße gehen, in zehn Jahren einverstanden sind, wenn ein Windrad hinter ihrem Garten entsteht oder eine Stromleitung.“

Greta Thunberg habe das sehr konsequent gemacht, so Schmitz. „Aber ihre Mittel sind nicht unsere. Wir wollen zeigen, wie es sich umsetzen lässt.“ RWE steige spätestens 2038 aus der Kohle aus, „je nach Entwicklung an den Märkten auch früher“. Die Demonstrationen gegen sein Unternehmen seien „nicht spurlos“ an ihm vorbeigegangen, sagt Schmitz.

Joe Kaeser, Vorstands-Chef bei Siemens, blickt ebenfalls kritisch auf die Klima-Bewegung. In einem Post auf LindedIn schrieb er, dass er es zwar gut finde, dass Greta junge Menschen mobilisiere und für mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz sorgt. Allerdings bezweifelt er, dass sie damit Erfolg hat: „Nevertheless, these efforts won’t change things directly. Neither childish rants nor the systems of interests that are behind them will bring about the required transformation.“
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