Angst vor Tabus: Viele Deutsche trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen

Das einschränken der Meinungsfreiheit hat begonnen als Heiko Maas Justizminister war und wurde von seiner Nachfolgerin Barley fortgesetzt.
Außerdem sollten wir Schäuble nicht vergessen, der als Innenminister seinen Anteil hatte, die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Die Deutschen fühlen sich offenbar in ihrer Meinungsfreiheit eingeengt, wie Untersuchungen zeigen. Eine zu starke Eingrenzung der Meinungen kann schaden – andererseits ist es normal, dass es Grenzen des Sagbaren in einer Gesellschaft gibt. Lesen Sie hier, welche Themen die Deutschen als Tabu einordnen.

„In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“ – dieser Aussage stimmten in der kürzlich veröffentlichten Shell-Jugendstudie 68 Prozent der 2572 Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 25 Jahren zu.

In einer Umfrage für die ARD ermittelte infratest dimap Anfang September dass 64 Prozent der Brandenburger und sogar 69 Prozent der Sachsen die Aussage bejahen, „bei bestimmen Themen wird man heute ausgegrenzt, wenn man seine Meinung sagt.“

Auch eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach („Grenze der Freiheit“) kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Deutschen glaubt, sich in der Öffentlichkeit heute nicht mehr zu allem frei äußern zu können. In der in diesem Jahr veröffentlichten repräsentativen Umfrage wurden 1283 Deutsche ab 16 Jahren persönlich befragt.

Das waren die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung
Obwohl die Mehrheit der Deutschen das Recht auf freie Meinungsäußerung der Umfrage zufolge weitgehend gesichert sehen, gibt es Themen, die in der Öffentlichkeit tabu oder zumindest schwierig sind. Fast zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) stimmten zu, dass man heute sehr aufpassen müsse, zu welchen Themen man sich wie äußert. Nur 23 Prozent der Teilnehmer sahen das nicht so.

Jeder Fünfte (20 Prozent) beantwortet die Frage „Kann man sich in der Öffentlichkeit und im Internet zu allem frei äußern oder nur unter Freunden und Bekannten“ damit, man müsse „bei vielen Themen vorsichtig sein“. 58 Prozent meinen, zumindest bei einigen Themen sei Vorsicht geboten. Nur 18 Prozent gaben an, in der Öffentlichkeit bei allen Themen frei seine Meinung äußern zu können.

Diese Themen finden die Deutschen heikel
Besonders das Thema Flüchtlinge sehen 71 Prozent der Bevölkerung als heikel an, gefolgt von den Themen

Muslime/Islam (66 Prozent)
Juden (63 Prozent)
Hitler, Drittes Reich (58 Prozent)
Rechtsextremismus (49 Prozent)
AfD (48 Prozent)
Homosexuelle (47 Prozent)
Vaterlandsliebe, Patriotismus (41 Prozent)
In geringerem Maße stimmten die Befragten auch zu, dass man sich bei folgenden Themen „leicht den Mund verbrennen kann, wenn man darüber spricht“:

drittes Geschlecht (37 Prozent)
Behinderte (24 Prozent)
Kindererziehung (23 Prozent)
Arbeitslose (16 Prozent)
Gleichberechtigung der Frauen (15 Prozent)
Klimaschutz (14 Prozent)
Weniger als jeder zehnte Befragte (7 Prozent) war der Meinung, dass keines dieser Themen in der Öffentlichkeit heikel ist.

Ähnlich äußerten sich die Umfrageteilnehmer zur Freiheit im Netz. Mehr als die Hälfte meinten auch im Netz bei einigen Themen (27 Prozent) oder vielen Themen (36 Prozent) vorsichtig sein zu müssen, wenn es um die Meinungsäußerung geht.

Im Freundes- und Bekanntenkreis sah das Ergebnis anders aus. Hier gaben mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer (59 Prozent) an, unter Freunden frei die Meinung äußern zu können. Nur 38 Prozent waren bei einigen oder vielen Themen vorsichtig.

„Grenzziehungen sind ein wichtiges Element von Identität und Zusammenhalt“
„Dass eine Gesellschaft die zulässigen Meinungsäußerungen bei bestimmten Themen durch Normen begrenzt, ist nicht per se ungewöhnlich oder kritisch“, ordnet Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach diese Untersuchungsergebnisse ein. Es müsse Grenzen des Sagbaren geben, etwa dort, wo die Würde des Menschen massiv attackiert werde.

„Solche Grenzziehungen sind ein wichtiges Element von Identität und Zusammenhalt einer Gesellschaft. Die Überzeugung der Bevölkerung, dass man sich mit Äußerungen zur Nazizeit oder zu Juden unmöglich machen kann, spiegelt die Wirkung von Normen, auf die sich die überwältigende Mehrheit verständigt hat.“

Andererseits kann eine zu starke Eingrenzung des Meinungen schaden, wie Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink in einem FAZ-Artikel meint: „Die Engführung des Mainstreams, die Kommunikationslosigkeit zwischen ihm und den Rechten und der AfD hatte und hat ihren Preis. Sie hat die Rechten und die AfD nicht schwächer gemacht, sondern stärker. Sie hat auch dem Mainstream nicht gutgetan. Als er weit, offen, vielfältig war, war er lebendig.“

Das geht den Deutschen zu weit
Die Allensbach-Forscher untersuchten auch, „was den Bürgern zu weit geht“. Ganz oben auf der Liste steht hier: „Dass man nicht mehr von ‚Ausländern‘, sondern von ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ spricht“ (66 Prozent). Ebenfalls über 60 Prozent stimmten zu, es sei übertrieben, dass „es gemeinsame Toilettenräume für alle Geschlechter, sogenannte Unisex-Toiletten, gibt“.

Mehr als der Hälfte der Befragten ging es außerdem zu weit, dass

„das dritte Geschlecht eingeführt wurde für Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen“ (55 Prozent)
„zunehmend darauf geachtet wird, dass stets die männliche und die weibliche Form verwendet wird, z.B. in Reden oder Stellenanzeigen“ (54 Prozent)
„man in Texten mit einem Sternchen kennzeichnet, dass alle Geschlechter gemeint sind, z.B. Verkäufer*innen“ (54 Prozent).
Was nachträgliche Zensur, zum Beispiel das Streichen von Wörtern in Kinderbüchern wie „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf, angeht, waren sich drei Viertel der Befragten einig, diese Zensur sei überflüssig und der Wortlaut solle nicht im Nachhinein geändert werden. Eine ähnlich große Mehrheit enthielt diese Aussage schon in einer Umfrage im Jahr 2013 (71 Prozent).
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