Berlin bald im Ausnahmezustand?

Verkehrsbehinderungen in Berlin
Carola Rackete: Berlin Tag und Nacht blockieren
Sie hatten ihr Ziel angekündigt: Den Verkehr in ganz Berlin lahmlegen! Seit dem frühen Montagmorgen blockieren Klima-Aktivisten erst den Verkehr rund um die Siegessäule, dann am späten Vormittag auch den Potsdamer Platz.

Seit diesem Wochenende campen hunderte Klima-Aktivisten von „Extinction Rebellion“ vor dem Kanzleramt. Am Morgen haben die ersten Demonstranten den Bereich an der Siegessäule besetzt und die Straßen dort blockiert. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort.
Die Polizei sprach am Morgen von etwa 1.000 Personen vor Ort am Großen Stern und empfahl, den Bereich zu umfahren. Auf den Umfahrungsstrecken für den gesperrten Großen Stern und die Straße des 17. Juni hatten sich am Morgen Staus gebildet.

Polizei Berlin Einsatz

@PolizeiBerlin_E
#8geben
Derzeit blockieren ca. 1000 Personen den #GroßenStern.
Bitte seien Sie vorsichtig und umfahren den Bereich.#b0710
Aktivisten bauen Arche an der Siegessäule auf
Am Vormittag errichteten die Aktivisten dann eine Arche an der Siegessäule. Das hölzerne Boot soll an das Artensterben erinnern. Die als Seenotretterin bekannt gewordene Kapitänin Carola Rackete hielt dort am Mittag auch eine Rede, in der sie die Klimapolitik der Bundesregierung kritisierte.
„Berlin Tag und Nacht blockieren“
„Es ist mehr als Zeit, dass die Regierung die Wahrheit sagt und den ökologischen Notstand ausruft“, forderte sie in Berlin. „Wir befinden uns in einer existenziellen weltweiten Krise, die sich immer schneller verstärkt.“ Sie sei froh, dass sich Extinction Rebellion dazu entschlossen habe, „die ganze Woche hier zu bleiben, um Berlin Tag und Nacht zu blockieren“.
Blockade am Potsdamer Platz
Am Potsdamer Platz kamen am späten Vormittag auch keine Autos mehr durch: Nur die LKWs, die „Extinction Rebellion“ mit mehr Material für ihre Blockade versorgen. In den kommenden Stunden soll der Potsdamer Platz zum Zentrum des Protests werden. Laut Polizei sind rund 300 Teilnehmer eingetroffen. Bis 14 Uhr soll dort protestiert werden. Die Polizei ist auch mit einem Hubschrauber in der Luft:

Polizei Berlin Einsatz

@PolizeiBerlin_E
Auch rund um den #PotsdamerPlatz ist der Verkehr aufgrund einer angemeldeten Versammlung derzeit eingeschränkt. Der Polizeiführer hat Übersichtsaufnahmen unseres Hubschraubers angeordnet, um die Lage dort & am #GroßenStern besser einschätzen zu können.#b0710
Sobald der Platz besetzt ist, richten sich die Protestler ein. Von Schränken über Sofas und Topfpflanzen ist alles dabei. Viele haben ihre Kinder mitgebracht und beschäftigen sie mit Straßenkreide. Ein Technikwagen bringt Boxen und Mikrofon.
Polizei will Flughafen-Tegel-Blockade verhindern
Polizisten kontrollierten am Flughafen Tegel ankommende BVG-Busse, berichtet Radio rbb 88.8. So soll verhindert werden, dass Klimaschützer die Zufahrten zum Flughafen blockieren. Laut Verkehrsinformationszentrale Berlin (VIZ) kommt es deswegen an den Zufahrtsstraßen zum Flughafen zu Staus und Verzögerungen.
Geisel: Versammlungen eine Weile gewähren lassen
Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte am Montag an, die Polizei werde „mit Augenmaß“ gegen die Blockaden der Umweltaktivisten vorgehen: „Es ist ja so, dass wir Blockaden, Veranstaltungen durchaus als spontane Demonstrationen werten können, die ja nach Demonstrationsrecht zulässig sind“, sagte Geisel im rbb-Inforadio. „Mit Augenmaß heißt, dass wir uns das anschauen werden. Es wird dann solche Versammlungen geben, die wir durchaus eine Weile gewähren lassen.“
Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr nicht akzeptabel
Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) verurteilt die Protestblockaden der Klima-Aktivisten von „Extinction Rebellion“. „Das geht natürlich gar nicht“, sagte Braun am Montag im „Morgenmagazin“ des ZDF. „Das Anliegen des Klimaschutzes, das teilen wir ja alle“, argumentierte der CDU-Politiker. Doch die Ankündigung gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr sei nicht akzeptabel.

Ditfurth nennt Extinction Rebellion „esoterische Sekte“
Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth hat vor der Klima-Bewegung Extinction Rebellion (XR) gewarnt. „XR ist keine „gewaltfreie Klimabewegung“, sondern eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen „Auslöschung der Menschheit“ glaubt und „Selbstaufopferung“ empfiehlt“, twitterte Ditfurth.

Außerdem schüre die Bewegung Emotionen, die den Verstand vernebelten. Etwa wenn behauptet werde: „Wir sind die letzte Generation der Menschheit vor der Auslöschung“. Die 68-Jährige warnte davor, sich an den Aktionen in Berlin zu beteiligen.

Das plant „Extinction Rebellion“ in dieser Woche
„Fridays for future“ war ihnen nicht radikal genug. Die Mitglieder von Extinction Rebellion (Rebellion gegen das Aussterben) setzen auf illegale, aber gewaltfreie Aktionen, um ihre Ziele durchzusetzen: 0 Treibhausgasemissionen bis 2025 und Stopp des Artensterbens.
n dieser Woche wollen tausende Aktivisten in Berlin deshalb neben angemeldeten Mahnwachen am Brandenburger Tor und an der Friedrichstraße auch unangemeldete Proteste organisieren.
Wie heiß wird der Klima-Herbst in der Hauptstadt?
Für Montag planen die Rebellen zwei große Aktionen, das heißt Menschenblockaden auf Straßen. Auch am Mittwoch soll es zu Behinderungen kommen. Wie das am besten funktioniert, übten die Aktivisten am Wochenende in einem Kreuzberger Hinterhof. Extinction Rebellion-Mitglied Patrick (23): „Wir wollen Menschen aus der Routine reißen, um einen Kurswechsel herbeizuführen.“
Die Blockaden sollen nahe der legalen Mahnwachen stattfinden – und zwar so lange, wie es ohne Einsatz von Gewalt geht. Eine Sperrung am Mittwoch wird auf der Einkaufsmeile Kurfürstendamm erwartet. „Wir empfehlen Autofahrern, das Auto stehen zu lassen“, raten die Klima-Rebellen auf ihrer Webseite.

Zwischen Reichstag und Kanzleramt kamen laut Veranstalter bis Sonntagnachmittag 3000 Menschen ins sogenannte Klima-Camp. Es ist das bisher größte Zeltlager der Umwelt-Gruppe.

Beim Training in Kreuzberg wurden gestern hunderte Freiwillige auf mögliche Konfrontationen mit der Polizei vorbereitet. In einen Gewerbegebäude saßen sie, viele in Wollpullis mit Tee-Thermoskannen, die meisten zwischen 20 und 30, sprachen über ihre Motivationen und hörten sich die Tipps der Trainer an.
Lucy, die nach eigenen Angaben ein „Vollzeit-Klima-Sabbatical“ macht, hat für die Umwelt ihren Job gekündigt.

► Julian erklärt: „Ich fliege nicht mehr und ernähre mich vegan. Trotzdem ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Extinction Rebellion ist das Richtige.“

► Und Sue mahnt: „Wir leben in einem toxischen System und sind ein Teil davon. Wir müssen zu neuen Lebensweisen kommen.“
In Rollenspielen übten sie, wie man am besten friedlich eine Blockade hält, etwa als „nasser Sack“ (ganzen Körper locker lassen) oder durch Singen („Von der blauen Erde kommen wir, unsere Erde stirbt genauso schnell wie wir“). Und was zu tun sei, wenn man in einer Gefangenensammelstelle landet. Dabei sei es „keine Schande“, den Aufforderungen der Polizei Folge zu leisten …

Die Hunderte von Zelten im Regierungsviertel sollen bis zum kommenden Sonntag bleiben. Organisatorin Magdalena Hartung (21): „Man darf eine Demonstration so lange anmelden, wie man das für nötig hält. Unsere Zelt-Demo wurde genehmigt.“ Am Montag um 12 Uhr soll „Sea Watch“-Kapitänin Carola Rackete (31) mit einen Schiff am Berliner Spreebogenpark einlaufen. Etwa zur gleichen Zeit ist ein Kunst-Protest am Potsdamer Platz angekündigt.

Wer sind die Rebellen?
Extinction Rebellion, abgekürzt XR, wurde 2018 in Großbritannien gegründet, ist mit 331 Ortsgruppen in 49 Ländern aktiv. Ihr Mitbegründer Roger Hallam (53) war erst vergangene Woche kurzzeitig im Knast gelandet, weil er in London den Flugverkehr mit Drohnen lahmlegen wollte. In Deutschland kündigte die radikale Gruppe an, „die gewöhnlichen Abläufe“ zu stören. Dies treffe „leider auch Individuen“, hieß es.

Hallam selbst hält Klimaschutz für „größer als die Demokratie“. Und behauptet weiter: „Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant.“ Selbst einigen Grünen geht das mittlerweile zu weit: „In keiner Demokratie darf man Veränderung durch Protest erzwingen“, so der Grünen-Europaparlamentarier Sven Giegold (49). „Bei Drohnen am Flughafen gehen Proteste zu weit“, sagte er zur B.Z.

FDP-Chef Christian Lindner sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Trotz der Bedeutung des Klimaschutzes hört für mich das Verständnis auf, wenn Gewalt angewendet wird.“ Die Aktionen der autark handelnden Organisation sorgen für heftige Bilder. Im Oktober kippten Aktivisten 1800 Liter Kunstblut in London aus, um gegen Klima-Sünden zu protestieren. Weitere Aktionen soll es unter anderem in London, Paris, Madrid, Amsterdam, New York und Buenos Aires geben.

Die XR-Protestler sehen ihre Aktionen als gewaltlos. Demonstranten sind angehalten, nur passiv Widerstand zu leisten. Und sie haben prominente Fans. 90 Künstler (u.a. Christian Ulmen, Bela B und Rocko Schamoni) sind Unterstützer.
https://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/extinction-rebellion-bloackaden-klima-verkehr-siegessaeule-lahmgelegt?fbclid=IwAR3htHjojvfsNiwSDNOOV0ViCEg_Z0n8jcP-3ieEP96FgtNgOLmGZMTpYKs