Wenn unsere „aufgeklärten Intellektuellen“ zugeben würden, dass sie nichts wissen, würden sie zuhören.

Paul Pawlowski
1. Oktober um 08:43 ·

*…Ich habe mich von allen sozialtechnologischen Vorstellungen abgewandt und von dem Gedanken verabschiedet, man könne die Menschen gleich machen und eine schlechthin perfekte Gesellschaft schaffen. Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt, er kann sich jederzeit gegen die selbstgegebenen Regeln der Vernunft entscheiden….

…Die radikale Aufklärung ist die Emanzipation des Geistes von den Institutionen. Sie ist von der falschen Vorstellung beherrscht, dass der Mensch der Schöpfer seiner Welt sei und sie nach Belieben beherrschen könne. Der voraussetzungslose Mensch kann also tun und lassen, was er will, weil er vernunftbegabt ist und sich keiner letzten, unbegründeten Ordnung mehr unterwerfen muss…

…Und diese Vorstellung ist falsch?

Ja. Denn solches Denken weiss nicht um die Gebundenheit der Existenz. Auch die Aufklärung steht auf einem Grund, von dem aus sie ihre Grundlosigkeit behauptet. Wenn man das eingesehen hat, dann wird man auch nicht mehr glauben, die Welt könne von nirgendwo betrachtet und nach Belieben verändert werden. Der Konservative hingegen schätzt Stil und Skepsis und nimmt hin, was er nicht verändern kann. Über manches sollte man einfach lachen. Denn am Ende sind wir alle tot. Der Weltverbesserer ist gewöhnlich ein humorloser Philister, der von der Lächerlichkeit der Existenz keinen Begriff hat.

Steckt im Konservativen auch ein Romantiker?

Durchaus. Die Romantiker machten die Entdeckung, dass der Mensch ein Ausdruckswesen ist, durch das etwas hindurchspricht: Religion, Sprache, Kultur. Der Mensch steht in Überlieferungszusammenhängen, er hat einen Ort und eine Geschichte. Der Mensch ist also nicht nur ein Meister, sondern auch ein Ausdruck seiner Umstände, und diese kann er nicht beliebig zurichten. Von Hegel stammt der bestechende Gedanke, dass der Einzelne dem Staat in der Familie, im Stand, in der Korporation und in der Religion gegenübertritt. Es gibt gar keinen Menschen an sich. Ein Mensch, der nur Individuum wäre, könnte sich gegen die Macht gar nicht behaupten. Er würde zum Opfer despotischer Gewalt.

Alle grossen Weltverbesserungsprojekte haben nichts als Elend und Gewalt produziert. Sie sind gescheitert, weil sie auf menschliche Möglichkeiten keine Rücksicht genommen haben.

Alle grossen Weltverbesserungsprojekte haben nichts als Elend und Gewalt produziert, weil sie auf menschliche Möglichkeiten keine Rücksicht genommen haben. Sie sind gescheitert, weil das Leben sie korrigiert hat. So gesehen, lernen Menschen aus Fehlern. Manche Fehler kosten das Leben. Niemand wird deshalb noch einmal den Versuch unternehmen wollen, die perfekte Gesellschaft auf Erden zu errichten…*