Anklage gegen Arafat Abou-Chaker: Jetzt wird es für den Berliner Clan-Boss brenzlig

Jahrelang konnten sich kriminelle Mitglieder von Clans in Berlin ungestört ausbreiten, auch die berüchtigte Familie um Arafat Abou-Chaker. Nun muss der 43-Jährige zittern. Erst im Januar wurde der Ex-Kumpel des Rapmusikers Bushido auf Bewährung verurteilt. Jetzt hat eine neue Anklage am Hals – wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung.

Es könnte eng werden für Arafat Abou-Chaker, sehr eng sogar: Möglicherweise muss der 43-Jährige schon bald aus seiner feinen Villa in Kleinmachnow südlich von Berlin ausziehen und für längere Zeit auf wenigen Quadratmetern leben – in einer hauptstädtischen Gefängniszelle.

Abou-Chaker, Spross einer aus dem Libanon stammenden Berliner Großfamilie und Inbegriff der Clan-Kriminalität, sieht sich mit einer Anklageschrift konfrontiert, die es in sich hat: Auf gut 100 Seiten wirft ihm die Staatsanwaltschaft massive Straftaten vor. Es geht unter anderem um versuchte schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung und Beleidigung. Mitangeklagt sind auch drei Brüder von Arafat Abou-Chaker.

Abou Chaker: Anwälte von Clan-Chef müssen sich zu Vorwürfen äußern
Gegenüber FOCUS Online wollte sich die Berliner Staatsanwaltschaft am heutigen Mittwoch nicht zu der Anklage äußern, die laut Medienberichten bereits am 17. September erhoben worden war. Als Grund für die Zurückhaltung nannte eine Sprecherin Fristen, die bei der Zustellung von Justizpapieren üblicherweise einzuhalten seien. Offenbar sollen die Anwälte des Beschuldigten erst Gelegenheit erhalten, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Hintergrund des Ermittlungsverfahrens, das demnächst in einen Strafprozess münden könnte, ist in erster Linie ein Streit zwischen Abou-Chaker und dem Rapmusiker Bushido. Beide verband einst eine innige Freundschaft und eine intensive Geschäftsbeziehung. Der Rüpelsänger räumte dem Clan-Chef sogar eine Generalvollmacht ein.

Ein Hintergrund der Anklage: Schmutziger Krieg mit Bushido
Im Frühjahr 2018 zerbrach die Beziehung, es kam zu einem schmutzigen, öffentlich ausgetragenen Streit. In dessen Folge fürchtete Bushido, der Clan könnte seine Frau oder seine Kinder entführen. Wegen mutmaßlicher Kidnapping-Pläne saß Arafat Abou-Chaker Anfang 2019 vorübergehend in Untersuchungshaft.

In der jetzt erhobenen Anklage spielt offenbar ein anderer Entführungsfall eine zentrale Rolle. So soll Arafats Bruder Yasser Abou-Chaker seine beiden Kinder aus Dänemark entführt haben – gegen den Willen seiner dort lebenden Ehefrau, die sich von ihm getrennt hatte. Im Zuge der Ermittlungen zu dem Kriminalfall durchsuchte die Polizei im November 2018 Arafat Abou-Chakers Haus. Bei der Razzia ging es auch um den Vorwurf des illegalen Waffenbesitzes.

Abou-Chaker erst im Januar zu Bewährungsstrafe verurteilt
Pikant an der aktuellen Anklage: Arafat Abou-Chaker war erst im Januar 2019 vom Amtsgericht Tiergarten verurteilt worden. Wegen Körperverletzung und Bedrohung erhielt er eine Strafe von zehn Monaten Haft, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Clan-Boss hatte in einer Physiotherapiepraxis einen Hausmeister gewaltsam angegriffen und ihn mit dem Tode bedroht.

Es handelte sich um die erste Verurteilung Abou-Chakers, der bis dahin mehrere Strafverfahren schadlos überstanden hatte – auch dank erstklassiger und teurer Verteidiger. Sollte er nunmehr ein weiteres Mal verurteilt werden, droht ihm längere Haft.

Clan-Anführer genervt: „Langsam wird es mir zu viel“
Der wohl prominenteste Vertreter der Berliner Clan-Welt scheint die härtere Gangart von Polizei und Justiz nicht sonderlich zu schätzen. Womöglich dämmert Abou-Chaker, dass der Staat sich nicht länger von ihm und seinesgleichen auf der Nase herumtanzen lassen will. Bereits im Herbst 2018 beschwerte sich der Clan-Mann auf Instagram, wo ihm knapp 150.000 Menschen folgen, dass bei ihm „mal wieder eine Razzia“ durchgeführt worden sei. „Langsam wird es mir, meiner Familie und meinen Freunden zu viel.“

Aussagen wie diese dürften Politiker und Strafverfolger freuen, die das Problem der Clan-Kriminalität jahrelang unterschätzt hatten, nun aber einen neuen, einen schärferen Kurs verfolgen. Man sei bestrebt, es den verdächtigen Mitgliedern arabischer Großfamilien „auf allen Ebenen so ungemütlich wie möglich“ zu machen, erklärt etwa Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD).
GERICHTSREPORT: EIN JAHR IN DEUTSCHLANDS GERICHTEN
Wie sieht der Alltag in Deutschlands Justiz wirklich aus? Was läuft nicht rund? Wie geht es besser? FOCUS Online ist 2019 in Gerichten unterwegs: Dort, wo normale Menschen um ihr Recht kämpfen. Wo spektakuläre Prozesse laufen. Wo Deutschland sein Versprechen einlösen muss, ein Rechtsstaat zu sein. Unsere Reporter sprechen mit Richtern, Staatsanwälten, Angeklagten, Opfern und Zeugen.

In unserem Justiz-ABC erklären wir die wichtigsten Begriffe aus der Justiz. Und hier finden Sie alle Artikel des Gerichtsreports.

Schildern auch Sie uns, was Sie im Umgang mit Staatsanwälten oder Richtern erlebt haben. Vielleicht entsteht daraus eine Geschichte. Mailen Sie uns an: mein-fall@focus.de.

17 Millionen Euro Schaden, Hunderte Ermittlungsverfahren
Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) verursachten kriminelle Clan-Gruppierungen 2018 einen Schaden von rund 17 Millionen Euro. Die Täter sind vor allem im Rauschgifthandel aktiv. Bundesweit gab es Ermittlungsverfahren gegen insgesamt 654 mutmaßliche Clanmitglieder. Die meisten von ihnen stammten aus dem Libanon.
https://www.focus.de/politik/gerichte-in-deutschland/schwere-vorwuerfe-anklage-gegen-abou-chaker-jetzt-wird-es-fuer-den-berliner-clan-boss-brenzlig_id_11202360.html?fbc=fb-shares&fbclid=IwAR2Qq-7uluT2PVoTclSceAaGN-Z4EtY5ta88VFEq5-o5JvQmDjGS7-K7abw