„Rechts ist das neue Links“

schreibt ein Facebook-Freund. Das klingt nach Martin-Sellnerscher, identitärer Koketterie mit Coolness und Rebellentum.

Aber war Rebellentum nicht einst das Markenzeichen der Linken, waren sie nicht beständig die Opponenten der etablierten Macht? Nichts ist davon geblieben; Altpunks schließen sich der Masse an, schreiben sich das sogar auf die Fahne: „Wir sind mehr!“ Regierung, Medien, Kirchen, selbst Comedy stoßen in dasselbe Horn „Kampf gegen Rechts.“ Eine solche Gleichschaltung gab es zuletzt, als Deutschland tausendjährig werden wollte, um an seinem Wesen die Welt genesen zu lassen, sie war nur nicht so freiwillig wie heute.

Großartig geändert haben wir uns nicht; 2015 tauchte das Wort „Weltkanzlerin“ auf. Realistische Bescheidenheit ist in Deutschland immer nur eine Übergangsphase zwischen kriecherischer Unterordnung und knallverrückter Überheblichkeit. Bei letzterer sind wir angekommen als die „Gutesten“ der Welt.

Wenn wir so gut sind und das Richtige tun, in voller Überzeugung – wo kommen dann die Reibungen her, warum gibt es eine AfD, weshalb zerlegt sich die SPD mit Verve selbst, wie kommt es, dass Frau Merkel noch starrsinnig-worthülsiger wird, als wir es kannten und je für möglich hielten? Warum schreibt jemand „Rechts ist das neue Links“?

Die Antworten unserer Leitmedien schwanken zwischen „Mysterium“ und „die Rechten waren immer da, sie wittern jetzt Morgenluft“. Nun ja. Die AfD ist gekommen, um zu bleiben, wie es scheint. Ganz schön viele „Rechte“, nicht wahr; wo waren die eigentlich jahrzehntelang? Warum nicht in der NPD, die dieselben Jahrzehnte lang unterhalb der fünf Prozent am Knorpel des Lebens nagte?

Unten eine andere Antwort, habt Geduld, erst kommt Links dran. Links ist zur neuen Mitte geworden, der politische Schwerpunkt hat sich verschoben. Ausstieg aus der Kernenergie, Ehe für alle, Abschaffung der Wehrpflicht, Energiewende, Grenzöffnung – die CDU hat die grünen Themen gekapert. Die Grünen mussten noch spinnerter als zuvor herumgendern und Splittergruppenpolitik machen, um sich davon noch absetzen zu können. Gelang ihnen sogar, sie hatten die Studenten weiterhin auf ihrer Seite, wegen ihrer Attitüde des Guten, die jeden unter 25 beeindruckt und wegen der Radikalität, mit der sie an den Unis bizarre Konzepte verzapfen. Je verrückter, umso gesellschaftskritischer fühlt es sich an. Man muss sich recht weit hinauslehnen, um noch wahrgenommen zu werden. Aber eben hinauslehnen nach links.

Im Lauf des Jahres kam der Gretaismus hinzu, die neue Quasireligion, mitsamt Apokalypse, Ikonenfigur, Massenzelebrierungen, Buße und Ablasshandel, kaperte die 15jährigen im Sturm und riss das gesellschaftlich-politische Opportunat mit, das ich „erwachsen“ nicht mehr nennen mag. Nun haben wir den Salat, das Narrenschiff ist zum Flaggschiff geworden.

Und darum ist Rechts tatsächlich das neue Links. Die Rechten müssen noch nicht einmal – Verzeihung – Recht haben. Sie müssen nur ein Gegenpol sein, an dem sich Argumente prüfen lassen. Ein Gegengewicht, um das Boot im Gleichgewicht zu halten. Eine Instanz bilden, die gegen die bestehende Macht anredet … und die sich dafür geduldig verdammen, verteufeln, weghitlern lässt. Wie einst die Linken (nur dass man ihnen die Schlächter Stalin und Mao irgendwie nie übel nahm). Alle paar ‚zigtausend Jahre polt sich das Erdmagnetfeld um, das Feld der politischen Kräfte vielleicht auch. Nur schneller.

Ich wünschte, alt genug zu werden, um mich eines Tages wieder nach links lehnen zu können, wie einst im Mai.