Resterampe ThyssenKrupp

Der Rauswurf des ThyssenKrupp-Chefs ist ein schlechtes Zeichen. Guido Kerkhoff wollte sanieren, der Finanzinvestor Cevian will Kasse machen. Verlierer sind die Mitarbeiter, Kleinaktionäre und Steuerzahler.
ThyssenKrupp-Chef Guido Kerkhoff muss gehen. Das hat das Aufsichtsratspräsidium des Unternehmens in einer Nacht- und Nebelaktion beschlossen. Die ThyssenKrupp-Stiftung mit der Mathematikerin Ursula Gather an der Spitze und der glücklose schwedische Finanzinvestor Cevian klatschen offen Beifall. Für die beiden Großaktionäre, die gemeinsam mehr als 40 Prozent an dem Unternehmen halten, könnte sich dieser Schritt auch durchaus rechnen. Für das Unternehmen, seine Beschäftigten und den Steuerzahler eher nicht.
Der Finanzinvestor verhält sich wahrhaft wie eine Heuschrecke. Er dürfte darauf setzen, dass die Aufzugsparte, das einzige Geschäftsfeld mit Perspektiven und hohen Erträgen, nun rasch aus dem Konzern herausgelöst und für einen zweistelligen Milliardenbetrag verscherbelt wird. Der Marktführer Kone aus Finnland ist an einer Übernahme interessiert. Das gäbe eine hübsche Sonderdividende, die auch bei der seit Jahren darbenden Stiftung gut ankäme. Sie könnte ihre prestigeträchtigen Kunst- und Wohltätigkeitsprojekte wieder in gewohnter Großzügigkeit bedienen.

Auf eine Zerschlagung gesetzt

Finanzinvestor Cevian könnte mit diesem Geldsegen halbwegs gesichtswahrend bei ThyssenKrupp aussteigen. Die vermeintlichen Finanzprofis aus Schweden hatten sich mit dem Einstieg im Jahr 2013 heftig verspekuliert. Sie hatten von Anfang an auf eine Zerschlagung des Konzerns gesetzt und viel zu hohe Einstiegspreise gezahlt. Den vom damaligen Konzernboss Heinrich Hiesinger begonnenen und von Kerkhoff fortgeführten Versuch, den Industriekonzern zurück auf Kurs zu bringen, begleiteten sie nur murrend. Ein Ausstieg mit Sonderzahlung käme für sie gerade recht.

Auf der Strecke dagegen bleiben die Mitarbeiter des Konzerns, die Kleinaktionäre, der Standort und die Steuerzahler. Für sie alle hat die Entscheidung fatale Folgen. Sie könnte den endgültigen Untergang des Konzerns einläuten.
Kerkhoff hatte sich mit guten Argumenten gegen einen kompletten Verkauf der Aufzugsparte ausgesprochen. Er wollte lediglich einen Minderheitsanteil an einen strategischen Investor abgeben. Das Geld aus dem Teilverkauf und die jährlichen Einnahmen aus dem global wachsenden Aufzuggeschäft wollte er nutzen, um den angeschlagenen Konzern zu sanieren und den rund 160.000 Beschäftigten eine Perspektive für die nächsten Jahre zu bieten. Es wäre ein mühseliger Weg gewesen, aber einer mit Ziel.

Doch daraus wird nun nichts mehr werden. Mit dem Abgang von Kerkhoff dürfte der Komplettverkauf der Aufzugsparte beschlossene Sache sein. Mit den Milliarden könnten ein paar Schulden beglichen und die gewünschte Sonderdividende ausgeschüttet werden. Zurück bliebe ein kaum noch lebensfähiges Unternehmen, die Ruine von dem, was einmal ThyssenKrupp war. Eine Resterampe, die im nächsten Konjunkturabschwung erhebliche Probleme haben dürfte.

Ohne das Aufzuggeschäft fehlten dem Konzern die stetigen Einnahmen, um das zyklische Stahlgeschäft in Konjunkturflauten auszugleichen. Und es fehlte in absehbarer Zeit auch das Geld, die drückenden Pensionslasten für zig Generationen Stahlarbeiter zu bezahlen. Dafür müsste viele Jahre lang der Steuerzahler einspringen. Cevian ist dann schon längst wieder raus.
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/thyssenkrupp-finanzinvestor-verschachert-die-zukunft-einer-industrieikone-a-1288619.html