Im Herzen der Finanzmärkte wächst ein Billionen Dollar großes Schwarzes Loch

Negativ verzinste Anleihen breiten sich im Universum aus, zerstören potenzielle Renditen für Anleger und stellen das System auf den Kopf. Notenbanker und Politiker sehen die Lawine – und schweigen.
Finanzminister Olaf Scholz ist beim Thema Nullzinspolitik abgetaucht. Die Fakten sind es nicht. Eine Bloomberg-Analyse fasst die unbequeme Lage heute Morgen schonungslos zusammen:
„Im Herzen der weltweiten Finanzmärkte reift ein mehrere Billionen Dollar großes Schwarzes Loch heran. Negativ verzinste Anleihen breiten sich im Universum aus, zerstören potenzielle Renditen für Anleger und stellen das System auf den Kopf.“
Politiker und Notenbankchefs bereiten neue Finanzkrise vor
Wer sehen will, der sieht: Politiker und Notenbankchefs bekämpfen die zurückliegende Finanzkrise, indem sie die nächste vorbereiten.
Mittlerweile sind 25 Prozent der weltweiten Staatsschulden mit Negativzins versehen, womit die Staaten einen echten Anreiz erhalten, die Verschuldung weiter in die Höhe zu treiben, was sie auch tun.
Der deutsche Staat beispielsweise zahlt kein Geld mehr für seine Schulden, sondern bekommt welches dazu: zwei Euro pro 1000 Euro, die ihm über zehn Jahre geliehen werden. Die Investoren sind angesichts der zu erwartenden Turbulenzen an den Finanzmärkten schon froh, wenn sie mit dieser Art Depotgebühr davonkommen.
Die Sparer andererseits werden für die Bereitstellung des Sparkapitals nicht mehr länger belohnt, sondern bestraft. Weil die Renditen für Spareinlagen unter der Inflationsrate liegen, kommt es zur finanziellen Regression, also der Verdampfung von Geldvermögen. Schon ein Nominalzins auf Spareinlagen von 0,3 Prozent führt bei einer Inflationsrate von 1,6 Prozent zu einem Realzins von minus 1,3 Prozent.
Je stärker Nominalzins und Inflation sich spreizen, desto grausamer die Wirkung: Nullzinsen bei zwei Prozent Inflation bedeuten bei einer Ersparnis von 50.000 Euro eine Kaufkraftreduktion von 1000 Euro pro Jahr. Nach zehn Jahren ist die Kaufkraft der 50.000 Euro auf nur noch etwas mehr als 40.000 Euro geschrumpft.
Scholz schweigt – mit Vorsatz
Alle Politiker von Rang und Namen sehen die Lawine, die da auf das Land zurollt. Immerhin: Annegret Kramp-Karrenbauer als Nicht-Regierungsmitglied thematisierte es nun auch. Man müsse „für die Zukunft schauen, ob man nicht die Niedrigzinsphase ein Stück weit einbremsen muss“, sagte sie vorsichtig tastend der „FAZ“.

Der zuständige Minister aber schweigt – nicht aus Nachlässigkeit, sondern mit Vorsatz. Drei Dinge hindern ihn daran, Stellung zu beziehen.

Der Finanzminister Scholz möchte das ungeschriebene Gesetz der globalen Finanzwelt nicht verletzen, wonach die Politik auf diesem Feld zur Enthaltsamkeit verpflichtet ist, um den Schein einer unabhängigen Notenbank zu wahren.
Der Parteipolitiker Scholz will Kanzlerkandidat seiner Partei werden und daher nicht in Konflikt mit der europapolitischen Gesinnung der SPD geraten. Die Schuldenstaaten des Kontinents brauchen das billige Geld wie das Kind die Mutterbrust, weshalb der Ruf nach Zinswende in der SPD mit den Etiketten „unsolidarisch“ oder „neoliberal“ belegt wird.
Der Pragmatiker Scholz glaubt, dass der Zug international abgefahren ist. Donald Trump drängt auf billiges Geld und Christine Lagarde will – nach allem, was aus der EZB zu hören ist – die Negativzinsen nicht nur fortsetzen, sondern weiter in den roten Bereich drücken.
Das Schwarze Loch könnte so manches verschlucken
Fazit: Das Land braucht einen Finanzminister, der sich tapfer gegen die Irrationalität stellt, auch wenn diese als die Mode der Saison gilt. Noch ist die Zinspolitik eine Fußnote der Innenpolitik, aber eine, die bald schon zur Überschrift aufsteigen dürfte. Das Schwarze Loch könnte so manches verschlucken – die Guthaben der Sparer, das Vertrauen in das Finanzsystem und die Ambitionen des Finanzministers.
https://www.focus.de/finanzen/boerse/experten/gastbeitrag-von-gabor-steingart-die-nullzins-falle-schwarzes-loch-droht-alles-zu-verschlingen-und-alles-schweigt_id_10925952.html?utm_source=facebook&utm_medium=social&utm_campaign=facebook-focus-online&fbc=facebook-focus-online&ts=201907151126&cid=15072019&fbclid=IwAR1pA2EXB23Vtztyl5nnAHr_1c2yrDGf4zH7APbFx1DlaRKCADbLpiFA2jA